Der spanische Wein ist nicht nur bei den Deutschen hoch im Kurs. Spricht man jedoch vom spanischen Wein und fragt den ein oder anderen Weintrinker nach seinen Lieblingen oder den bekannten Weinen des Landes, wird man wohl immer wieder die gleichen Antworten erhalten. Es fallen die Namen der “großen” Regionen, die sich international besonderer Beliebtheit erfreuen und auch mich als Weinliebhaber über die Jahre zum absoluten Spanienliebhaber gemacht haben. Doch wie sieht es mit Valencia aus?

Und was bedeutet groß? Die Menge oder die Reputation, das Image der Region? Wichtig ist für mich noch vor allem die Qualität, und da lohnt es sich über den Tellerrand zu schauen und ein wenig die altbekannten Pfade zu verlassen. Bewegt man sich dann in die drittgrößte Weinbauregion auf der spanischen Seite der iberischen Halbinsel landet man in der DO Valencia mit der Hauptstadt Valencia, die sich über die östliche Küste Spaniens mit unverbautem Blick auf das Mittelmeer erstreckt. Somit wären wir bei einer der großen Regionen Spaniens, bezogen auf die totale Größe und Produktion. 

Valencia ist eine pulsierende Metropole mit allem was das Herz begehrt. Strand, Stadt, Kultur, Architektur und natürlich: Wein! Der übrigens hervorragend zur Paella harmoniert, mit der die Stadt einen der spanischen Signature Dishes unter ihren Errungenschaften verbuchen kann. Auch das Nachtleben floriert in der Stadt mit rund 800.000 Einwohnern und zieht Menschen aus ganz Spanien an. Was noch floriert ist der Handel. Mit Wein, aber auch mit vielen anderen Produkten. Der Hafen von Valencia ist der größte im ganzen Mittelmeerraum und somit ein wichtiger infrastruktureller Dreh- und Angelpunkt für ganz Europa. 

Aber bleiben wir beim Wein. Bereits die Phönizier beschäftigten sich hier mit den fermentierten Trauben, bis einige Jahrhunderte später die Römer einfielen und begannen große Mengen zu produzieren, um die hohe Nachfrage des römischen Heers an Wein zu decken. Der Hafen entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einer tragenden Säule für die Region und wurde entsprechend für das Verschiffen des Weins genutzt. 

Den D.O.-Status – Denominación de Origen, was die Ursprungsbezeichnung des Produktes bescheinigt – bekam Valencia im Jahre 1957.

Celler del Roure Amphore DO Valencia

Die Region Valencia in Zahlen

Die DO Valencia erstreckt sich über rund 13.000ha und ist in Sachen Produktion die drittgrößte Region für spanischen Wein. Knapp über 100 Weinbauern stellen die Trauben für gute 700.000hl. Dabei ist natürlich das Thema Winzergenossenschaften ein großes und historisch relevantes. Hier ist jedoch ein klarer Trend zu erkennen: Mit den neuen Winzergenerationen, dem Streben nach guter Qualität und einer eigenen Identität werden die selbst angebauten und gelesenen Trauben immer häufiger selbst vinifiziert. Auch das Zuwenden zu den heimischen Rebsorten bestärkt dieses Bild authentischer, ursprungsbezogener Weine.

Terroir – Klima und Böden in und um Valencia

Wie bereits eingangs erwähnt liegt die Hauptstadt der Region in unmittelbarer Nähe zum Mittelmeer. Wo wir schon beim Thema Höhe sind: Spanien ist nach der Schweiz das Land in Europa, das die meisten Höhenmeter aufweist. Kein Wunder also, dass auch die Weinberge in Valencia viele Meter über dem Meeresspiegel liegen. Gleich hinter den Küsten steigen die Weinberge auf bis zu 1.000 Meter und mehr in die Höhe. Rafael Cambra beispielsweise, dessen Wein ich später noch verkosten werde, bewirtschaftet Weinberge, die gerade einmal 60km von der Küste entfernt, dort jedoch schon auf 700m Höhe liegen. Dies sind nicht nur im allgemeinen schon sehr gute Voraussetzungen für ausbalancierte Weine: gerade in Zeiten des Klimawandels und den stetig steigenden Temperaturen sind die Höhenlagen von enormer Wichtigkeit.

Natürlich spielt der Standort hier eine besondere Rolle: unmittelbar an der Küste herrscht ein heißes und feuchtes mediterranes Klima, wohingegen das Klima in Inland kontinental und weitaus kühler ist. Die höheren Lagen sind aufgrund der niedrigeren Temperaturen und einer daraus resultierend anderen Säurestruktur besonders gefragt und die Gegebenheiten bieten hier völlig andere Möglichkeiten gegenüber der Küstenregion. 

Bevor ich zu den Rebsorten der Region und der Verkostung einer Reihe komme, sollte die Bewirtschaftung der Rebflächen noch kurz beleuchtet werden. Hat man als Winzer das Ziel, authentische, terroirbezogene Weine zu kreieren, ist nicht nur im Keller eine minimale Intervention vonnöten und unbedingt zu empfehlen. Genau deshalb werden viele Rebflächen, wie bei Rafael Cambra oder auch Celler del Roure, biologisch bewirtschaftet. Hier muss der Winzer einen Spagat machen und sich entscheiden: Qualität oder Quantität. Bewässert er die Reben und nimmt ihnen so den Stress, steigen die Erträge, was der Qualität jedoch nicht zuträglich ist. Lässt man die Wurzeln selbst nach Wasser “suchen”, indem sie sich den Weg durch den Boden kämpfen und immer tiefer wurzeln, steigt auch die Qualität. Gerade hier zeigt sich, warum die alten Reben so wertvoll sind. 

Celler del Roure Amphore
Casa Los Frailes Bodega Fonda DO Valencia

Die Rebsorten der Region

Mit den Böden, den unterschiedlich hohen Lagen und dem mediterranen Klima in der Region stehen den Winzern und Weinbauern der Region eine Vielzahl an weißen und roten Rebsorten zur Verfügung. Dies sind sowohl internationale, als auch lokale und autochthone Rebsorten, die hier seit vielen Jahrzehnten heimisch sind. Hier hat es der Weintrinker und Liebhaber ebenfalls den neuen Winzergenerationen zu verdanken, dass eben diese alten, autochthonen Rebsorten wiederbelebt und genutzt werden. Einige Rebanlagen, wie beispielsweise die von der Bodega La Vina, sind 50 Jahre alt und älter. Wieder andere sind wurzelecht, haben also die Reblaus überlebt, was sie den sehr sandigen Böden zu verdanken haben. In diesen sandigen Böden war der wurzelfressende Schädling machtlos und musste klein beigeben – zum Glück!

Die Weißen der Region bieten eine breite Auswahl an Geschmäckern und Stilen. Die vorherrschende weiße Traube ist die Merseguera, die frische, knackige und sommerliche Weine hervorbringt. Weniger frisch, dafür besonders ist die Moscatel de Alejandria, die schmelzige, aufgespritete Weine hervorbringt und so schon das breite Spektrum an Weißweinstilen aufzeigt.

Die weißen Rebsorten sind: Merseguera, Malvasía, Pedro Ximénez, Moscatel de Alejandría, Gewürztraminer, Macabeo, Chardonnay, Planta fina, Riesling, Semillón Blanc, Pedralba, Planta Nova, Pedro Ximénez, Sauvignon Blanc, Tortosí, Verdejo, Viognier und Verdil.

Bei den roten Trauben wie Monastrell, Garnacha oder auch Tempranillo sollte man sich an den höher gelegenen Weinbergen orientieren. Die Temperaturen sind hier niedriger, was die Weine eleganter und mit entsprechend höherer Säure ausbalancierter und harmonischer macht. Die Roten aus der Ebene sind hingegen kraftvoller und kommen meist mit mehr Alkohol daher. Wer nun davon ausgeht, dass aufgrund der hohen Temperaturen ausschließlich kraftvolle Rotweine mit hohem Alkoholgehalt vinifiziert werden, hat die Rechnung ohne die autochthonen Rebsorten gemacht. Forcalla, Arco und Tintonera sind diese autochthonen, also in der Region heimischen Rebsorten. Und da sie eben hier ihren Ursprung haben und seit jeher an die klimatischen Bedingungen gewöhnt sind, ist es nur sinnvoll, dass sie von den Weinbauern “wiederbelebt”, wieder angebaut und vinifiziert werden. Warum? Die Forcalla ist eine spät reifende Traube, die trotz der langen Reifeperiode in dieser heißen Region hellrote Weine mit geringem Alkoholgehalt hervorbringt.

Die roten Rebsorten sind: Monastrell, Garnacha Tintorera, Garnacha Tinta, Cabernet Sauvignon, Pinot Noir, Merlot, Bobal, Bonicaire, Graciano, Monastrell, Mando, Petit Verdot, Syrah und Tempranillo.

Die Weine Valencias unter der Lupe:

Natürlich lässt sich keine Weinregion dieser Welt nur anhand der Theorie und der herrschenden Gegebenheiten beurteilen und einordnen. Auch wenn man einen Einblick in die Historie, die Böden, das Klima und die Rebsorten bekommen hat, steht und fällt es im Endeffekt immer mit den Weinen. Genau deshalb habe ich sieben Weine der Region Valencia verkostet. Vorab muss ich sagen, dass ich wirklich gespannt war wie die neuen Winzergenerationen ihr Know-how einsetzen, mit internationalen und autochthonen Rebsorten zugleich arbeiten und auch das Terroir der Gegend widerspiegeln. Das mit dem Anspruch authentische Weine zu produzieren die “Low-Intervention”-Methode Sinn macht ist klar: sowohl im Weinberg als auch im Keller greift man möglichst wenig in den Prozess ein und lässt die Natur ihre Arbeit verrichten. So entstehen authentische und ursprungsbezogene Weine, die im besten Fall die oben beschriebene Theorie wiedergeben und eine eigene Handschrift haben. 


Bodega de Moya
“VINO DIEGO DE MOYA”
Rebsorte: Merseuguera

Los geht es direkt mit einem Wein aus den hohen Lagen der Region Valencia. Auf über 1000 Meter Höhe über dem Meeresspiegel liegen die Weinberge für den “Vino Diego de Moya”, der mit 25 Jahre alten Reben bestückt ist. Vorwiegend wird hier die lokale Traube Merseguera angebaut, für den Vino Diego de Moya allerdings mit 30% Chardonnay cuvéetiert. Der Wein zeigt sich mit Aromen von rotem Apfel, Quitte, saftiger Steinfrucht, Akazie und einer feinen Röstaromatik. Am Gaumen ist er saftig, ausgewogen, hat neben der Frucht eine feine Würze und ist trotz seiner Kraft elegant. 

Bodega Casa Lo Alto
“TRENA”
Rebsorte: Tardana

Auf rund 60 Hektar werden hier in “La Venta del Moro” regionale und internationale Rebsorten angebaut. Man arbeitet mit kleinen Plots, die eigenständige Gegebenheiten aufweisen und sich im Wein widerspiegeln sollen. Deswegen wird auch im Keller kaum in den Vinifikationsprozess eingegriffen und die Arbeit dem Wein selbst überlassen. Der Trena aus 100% Tardana oder auch “Planta Nova” ist der neue Wein der Bodega und ist mit seinem Namen eine Hommage an die Region El Tresnal, wo man früher die gelesenen Trauben in einer Prisma-Form gestapelt hat, damit sie Feuchtigkeit verlieren. Der Wein präsentiert sich frisch und knackig mit Aromen von Zitrone, Grapefruit und grünem Apfel. 

Bodega Rafael Cambra
“LA FORCALLA DE ANTONIA 2018“
Rebsorte: Forcallà

Auf gut 42 Hektar baut das 2001 gegründete Weingut Rafal Cambra im Südwesten der Region Valencia vorwiegend rote Rebsorten an. Die Reben – die hier ganz ursprünglich als Buschreben wachsen – stehen auf bis zu 700 m Höhe. Auch hier hat man sich dem Thema “Low Intervention” verschrieben und versucht das Terroir und die Charakteristik der Traube in den Vordergrund zu stellen. Der “La Forcella de Antonia” wird zunächst acht Monate in französischer Eiche, anschließend zwei weitere in Beton gereift. Er zeigt sich in dichtem rubinrot mit Noten von dunkler Frucht von Kirsche, Pflaume und Waldbeere, Cassis und Holunder. Am Gaumen saftig, dicht, würzig und dank guter Säure angenehm ausbalanciert.

Celler del Roure
“SAFRA 2019”
Rebsorte: Mando, Arcos

Das 1996 gegründete Familienweingut Celler del Roure ist bis heute im Familienbesitz. Die Rebfläche konnte dabei in den letzten 20 Jahren von 20 auf 60 Hektar aufgestockt werden, wobei alle Weinberge der Familie seit 2016 biozertifiziert sind. Mit Blick auf die Herkunft und die eigenen Wurzeln hat man sich hier den autochthonen Rebsorten verschrieben und baut diese oftmals traditionell in Tongefäßen aus. 80% Mandó, 10% Monastrell und 10% Garnacha werden für den Safra cuvéetiert. Und der ist erfrischend, saftig und spielerisch leicht. Rote Kirsche und rote Pflaume, etwas Orangenzeste und dunkle Schokolade. Der Gaumen ist schmeichelnd und erfrischend mit knackiger Säure und mittlerem Körper. 

Spannend und exemplarisch für die neuen Weine aus Valencia: Man bedient sich der Geschichte und lässt diese mit modernen Techniken verschmelzen. So nutzt man beispielsweise bei Celler del Roure für den Ausbau der Weine Amphoren aus dem 17. Jahrhundert mit einem Fassungsvermögen von 1000-2500 Litern für die Vinifikation einiger Weine. Man besinnt sich auf die Wurzeln und überträgt dieses Know-how in die heutigen Prozesse im Weingut.

Bodega La Viña
“LOS ESCRIBANOS 2018”
Rebsorte: Monastrell, Tintonera

Die Genossenschaft La Vina wurde 1994 gegründet, als sich 38 Weinbauern zusammenschlossen, um gemeinsam die selbst angebauten Trauben zentral zu verarbeiten. Bis heute ist der Betrieb stetig gewachsen und besteht aus rund 1500 Partnern, die die Kellerei mit Trauben versorgen. Spannend hier: die Weinberge sind oft mit sehr alten Reben bestückt. Die Cuvée aus 85% Monastrell und 15% Alicante Bouschet wird aus Trauben von bis zu 60 Jahre alten Reben vinifiziert. Die Nase ist konzentriert und expressiv mit Aromen von reifer roter Kirsche und Himbeere, balsamischen und würzigen Noten. Nimmt man einen Schluck, zeigt er sich saftig und rund, umschmeichelt den Gaumen und verleiht einen Hauch von Urlaub am Mittelmeer. 

Bodega Filoxera & Cia
“MUJER CABALLO AZUL 2019“
Rebsorte: Arcos

Die bis zu 46 Jahre alten Reben stehen hier in kleinen Plots auf steinigem Untergrund, der sich mit Sand vermischt. Der Mujer Caballo Azul wurde weder gefiltert, noch geklärt und präsentiert sich in einem brillanten kirschrot im Glas. In der Nase dominieren vor allem saftige, aber niemals überreife rote Früchte von Kirsch und Himbeere, unterlegt von einer subtilen Floralität. Der Gaumen ist seidig weich, sehr harmonisch, fast schon erfrischend und der achtmonatige Ausbau im Holz verleiht ihm eine feine Struktur und würzige Röstaromatik am Gaumen. Weniger als 1000 Flaschen werden hier produziert!

Bodega Casa Los Frailes
“DOLOMITAS 2018”
Rebsorte: Monastrell

Die Bodega Casa Los Frailes hat ihren Sitz in einem alten Jesuitenkloster und zeigt ihren Hang zur Nostalgie nicht nur darin. Der Dolomitas wird für zehn Monate in Ton-Amphoren aus dem 18. Jahrhundert ausgebaut. Die Nase zeigt sich mit voller reifer Frucht von schwarzer Pflaume, Kirsche, Himbeere und Erdbeere. Hinzu kommen Noten von Rauch, nassen Steinen und eine subtile Würze. Am Gaumen spiegelt sich die Frucht wieder. Dolomitas füllt den Mund angenehm und weich aus, die Tannine sind geschliffen und alles wird von einer angenehmen Würze unterlegt. Verträgt ein wenig Zeit an der Luft!

Ein Fazit

Nachdem ich mich nun ausführlich mit der Weinregion Valencia beschäftigt habe und man die historische Entwicklung bis heute und entsprechend zu den heutigen Weinen verfolgt, lässt sich feststellen: hier bewegt sich etwas! Und wie so oft liegt es am Spirit und der Passion einer neuen Generation von Winzern, die versucht, die herrschenden Gegebenheiten mit der bestmöglichen, authentischen Expression auf die Flasche zu bringen. Dabei spielen diverse Faktoren eine Rolle: zum einen sorgt der Anbau in Höhenlagen für ausbalancierte, harmonische Weine. Zum anderen entsteht durch den Einsatz von autochthonen Rebsorten wie Forcalla, Mando oder Arcos und den internationalen Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot oder Chardonnay ein breites Portfolio und Angebot an Weinen, welches die Vielseitigkeit der Region aufzeigt und gleichzeitig ein breites Publikum anspricht. Behält man diesen Spirit bei und steigert das Qualitätsniveau der Weine sukzessive, können wir aus dieser dynamischen und innovativen Region noch eine ganze Reihe spannender Tropfen erwarten!

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Author

Björn Bittner ist der Gründer von BJR Le Bouquet. Im Magazin beschäftigt er sich mit den Themen Premium-Kulinarik, Luxus und Lifestyle. Bon Vivant!

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