Berichte

André Ostertag – Philosoph und Winzer im Elsass

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Am vergangenen Montag hatte ich die Chance, die Millesimes Alsace – die größte Weinmesse im Elsass – zu besuchen und das Thema Elsässer Wein auf einer Reihe spannender Rahmenveranstaltungen noch zu vertiefen.

Die CIVA, der elsässische Weinverband, hatte drei sehr runde, informative und ausgewogene Tage auf die Beine gestellt. Los ging es am Sonntag mit diversen eigenständigen Verkostungen und Willkommensveranstaltung. Die Messe selbst startete am Montag mit einem abendlichen Gala-Dinner in historischer Location. Am Dienstag gab es schließlich noch eine Tour durch verschiedene Grand Cru Lagen rund um Colmar.

Einige Momente des Trips sind mir dabei besonders im Kopf geblieben. Die Vielfalt der präsentierten Weine, die unterschiedlichen Terroirs, die uns die Winzer selbst vor Ort nähergebracht haben sowie die gemeinsamen Dinner. Besonderen Eindruck hinterließen jedoch zum Einen die Verkostung rarer, gereifter Rieslinge in der Altstadt Colmars bei der Weine von 2000 bis 1964 präsentiert und genossen wurden. Hierbei zeigte die Rebsorte Riesling wieder einmal ihre Schönheit, ihr Potential und ihre Fähigkeit, sich wunderbar an das regional vorherrschende Terroir anzupassen.

Vins Alsace – Größer denken

Zum Anderen beeindruckte mich ein kleiner, dünner, ruhiger Mann, der viel sagte, ohne viel zu reden. Ich rede von Winzer Andre Ostertag.
Während die Messe im vollen Gange war, lud die CIVA zur Masterclass, die sich als Pressekonferenz entpuppt. Zu Beginn des Tages wurde das offizielle neue Logo des Elässer Weins „Vins Alsace“ präsentiert, auf der Pressekonferenz sollte anschließend der Grundstein für das „neue Elsass“ gelegt
Ein moderneres Elsass, ein internationaleres Elsass, ein größeres Elsass. Im Talk behandelten drei der „großen“ Winzer – Zind-Humbrecht, Albert Mann und eben Ostertag – die wichtigen, das Elsass besonders machenden Merkmale wie das Terroir, die Menschen und deren Weine.

Eine spannende Runde, die für mich durch den Beitrag Andre Ostertags auf eine neue Ebene gehoben wurde. Maurice Barthelmé von der Domaine Albert Mann hob besonders die einzigartige Bodenkonstellation des Elsass mit seinen 13 verschiedenen Terroirtypen und der damit verbundenen Vielfalt der Weine der Region hervor. Olivier Humbrecht, seinerseits Winzer der Domaine Zind-Humbrecht, führte auf Nachfrage diese Vielfalt an Bodentypen, Rebsorten und dementsprechend Weinen – seine aktuelle Preisliste umfasst rund 90 Positionen – weiter aus.

André Ostertag – ein stiller Mann mit Vision

Dann hatte Andre Ostertag das Wort. Bereits auf der ProWein wechselten wir einige Worte, sowie am Vortag auf der Gewürztraminer Raritätenverkostung. Ein sehr ruhiger, bedächtiger, angenehmer und enorm sympathischer Typ. Ein Typ, der im Kopf bleibt. Ein Typ den man, wenn man nach einem langen, intensiven Messetag mit vielen Gesprächen, bei einem Riesling im Restaurant sitzt, den Tag Revue passieren lässt, wieder vor Augen hat.

Er redete über das „Unsichtbare“ des Elsass, als tragende Säule der Region. Unsichtbar soll für das stehen, was sich nicht im Terroir, den Winzern oder den Weinen unter qualitativen Gesichtspunkten wiederspiegelt. Es geht um Natur. Es geht um Philosophie. Es geht um eine ganze besondere Attitüde, die Andre Ostertag vertritt und die für ihn essentiell für Wein als Ganzes ist.

„To me it doesn’t matter, if a wine smells like crushed apple. It needs to has a soul. A spirit.“ Ein Wein müsse ihn packen, egal von wem dieser ist, wie er bewertet wurde. Energien müssen fließen, es sollen sich Vibrations übertragen und Reibungen zwischen dem fermentierten Traubensaft und dem Genießenden sollen Emotionen auslösen.

Für ihn ist die Biodynamie ein entscheidender Schritt, der die Grundlage dafür ist, in Einklang mit der Natur solch ein Erlebnis, solche Schwingungen, überhaupt ins Glas zu bekommen und zu übertragen.
Dabei hatte er Tränen in den Augen. Ich war ernsthaft berührt. Von den Statements Ostertags, so wie der Art und Weise, wie er sie uns übermittelte. Er sprach sie weniger aus, mehr ließ er sie langsam, konzentriert und sehr bedacht seine Lippen passieren.
„Wine can be so special, when it has this energy. I am sure that even if someone who has no idea about wine, tries a wine which has energy and soul and spirit, he will make out this energy, this vibrations. He will be touched.“

Über André Ostertag

Andre Ostertag studierte im Burgund, bis er 1980 die vom Vater gegründete Domaine übernahm. So gesehen ist das Weingut ein junges Unternehmen. Schließlich gibt es eine Reihe Weingüter im Elsass die auf über 10 Generationen des Weinmachens zurückblicken können. Die Domaine umfasst rund 15ha, aus denen er in der Regel rund 100.000 Flaschen jährlich abfüllt. Die Rebsorten beschränken sich, wie überall im Elsass, fast ausschließlich auf weiße Rebsorten. Dabei nimmt der Riesling mit rund 45% der bestückten Fläche die führende Rolle ein.

Seine Herangehensweise an das Weinmachen hat im Elsass für intensiven Gesprächsstoff gesorgt. So begann er eigenständig mit der Reduktion des Ertrags und dem Einsatz von Herstellungstechniken wie Barrique bei den Burgunderrebsorten, als diese im Elsass noch vollkommen ungenutzt waren.

Domaine Ostertag – Die Weine

Die Weine Ostertags werden nach Möglichkeit in drei unterschiedliche Linien eingeteilt: die „Vins de Fruits“, die die Rebsorte wiederspiegeln und jung getrunken werden sollen, die „Vins de Pierre“, die „Weine der Steine“ sollen das Terroir der einzelnen Lagen der Domaine repräsentieren, werden später gelesen und über einen längeren Zeitraum ausgebaut, was zu einem höheren Lagerpotenzial führt. Übrigens: Der Münchberg ist fantastisch!

Schließlich die „Vins de Temps“, die Weine der Zeit. Wie der Name schon sagt, wurde den Trauben hier mehr Zeit am Stock gegeben, was zu einer Überreife führt und den Winzer so „Vendanges Tardives“, bei uns die Spätlesen, oder „Selection de Grains Nobles“, bei uns Beeren- oder Trockenbeerenauslese vinifizieren lässt.

Aufgrund der besonderen Beschaffenheit der Elsässer Böden, die sich wie ein Mosaik aus 13 verschiedenen Bodentypen zusammensetzen, empfehle ich – natürlich neben der gesamten Kollektion – insbesondere die „Vins de Pierre“ um Fronholz, Zellberg und Co. und den Münchberg, der mir besonder gut gefallen hat. Präzision mit Anklängen von tropischer Frucht, Ananas und Honig, dabei eine intensive mineralische Würze, sowohl in der Nase als auch am Gaumen mit konzentriertem, mineralischem, langen Finish.

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Björn Bittner ist der Gründer von Bjr Le Bouquet. Seine Artikel beschäftigen sich mit den Themen Wein, Essen und Reisen. Ob Verkostungsnotiz, Restaurant-Bericht oder Einblicke in die letzte Weinreise - hier findet ihr alles was Björn bewegt.

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